Bin ich bereit, einen Pflegedienst zu übernehmen?

von Rainer Berg und Ronald Richter

Den Wunsch, ein Unternehmen nach eigenen Vorstellungen und selbstbestimmt zu führen, hegen viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Gilt dies auch (noch) für die Pflegebranche?

Die wirtschaftliche Luft wird in ambulanten Pflegediensten als Vertragspartner der Kranken- und Pflegekassen sowie dem Träger der Sozialhilfe immer dünner. Vergütungsverhandlungen finden in einigen Bundesländern schon lange nicht mehr auf Augenhöhe statt. Die zwangsweise gesetzliche Einführung von Vergütungen nach Tarif (häufig nur umsetzbar, wenn refinanziert durch neu vereinbarte Pflegesatzvergütungen) lassen nicht viel Spielraum für flexible Arbeitsentgeltsmodelle. Von unternehmerischer Freiheit ist der Pflegemarkt ohnehin schon immer weit entfernt. Dem gegenüber steht die Arbeitnehmer-Situation: Zwar abhängig beschäftigt, aber die Entlohnung gesetzlich geregelt, durch den Markt geradezu mit Beschäftigungsgarantie ausgestattet, lässt es sich auch ohne die Unternehmermehrbelastung leben.

Gut, wenn es doch noch Idealisten gibt, die das Betreiben einer Pflegeeinrichtung bei voller Verantwortung als eine Herausforderung sehen und sich dieser stellen. Die Pflege sollte bei hoher Qualität eine persönliche Angelegenheit bleiben!

Es gibt auch gute Botschaften, drei Ansatzpunkte:

  1. Viele kleine bis mittlere Unternehmen der „ersten Generation“ in der Pflege, wollen aus unterschiedlichen Gründen den Betrieb einstellen bzw. abgeben und/oder müssen sich aus Altersgründen aus dem Unternehmerleben verabschieden. Hier liegt viel Potential an Einstiegsmöglichkeiten auf einem bestehenden Fundament aufbauen zu können. Die alternative Überlegung wäre, bei „0“ anzufangen.
  2. Der Pflegemarkt ist ein “Seniorenmarkt“. Damit will gesagt sein, dass die Nachfrage nach Leistungen auch außerhalb der „Kassenleistungen“ besteht. Preise und Leistungen können hier frei kalkuliert werden.
  3. Leistungen im Pflege- und Seniorenbereich werden auch in Zukunft mit Sicherheit ausreichend nachgefragt. Das Preis- Leistungsverhältnis im Einzelfall sollte im Auge behalten werden.

Die aktuelle Einstiegssituation ist also gegeben, wobei die Betonung auf „aktuell“ – konkret in diesem und im nächsten Jahr! – liegt.  Der Markt für Einsteiger ist also bereit. Ist der „Unternehmenskäufer“ auch bereit?

Hierzu zwei maßgebliche Vorüberlegungen:

  1. Bei welchem Kaufpreis, basierend auf welchem Unternehmenswert ist die Übernahme (re)finanzierbar? Hierbei spielen die zukünftigen Gewinnerwartungen eine entscheidende Rolle.  Wenn der Preis stimmt, ist auch die Finanzierung über Banken kein Problem. Über die Ermittlung eines Unternehmenswertes muss also gesprochen werden – sowohl aus Veräußerersicht, aus Erwerbersicht und auch im Rahmen der Unternehmensübertragung innerhalb der Familie.
  2. Ist die Übernehmerin bzw. der Übernehmer selbst bereit, einen Pflegedienst zu führen? Der Begriff Führung passt hier sehr gut – Leitungsqualitäten sind gefordert. Die Befähigung hierzu ist im Idealfall eine Begabung, kann aber auch erlernt werden.

Ein möglicher Verzicht auf kalkulierbare Freizeit muss bedacht werden. Die tägliche Belastung wird nicht vergleichbar sein mit der einer Arbeitnehmerin, eins Arbeitnehmers. Ein „Selbstcheck“ kann helfen, sich einzuschätzen. Hierzu haben die Handelskammern Checklisten zur Unternehmerqualität entwickelt und veröffentlicht, die Sie nutzen sollten.

Wenn der „Unternehmertest bestanden“ ist, die finanziellen Möglichkeiten ausgelotet sind und vor allem eine unternehmerische Idee vorliegt, die zumindest in groben Zügen ausformuliert ist, stehen dem Start in die Selbständigkeit nichts mehr im Wege. Das Projekt kann zielstrebig und zeitlich geordnet angegangen werden.

Die aktuelle Situation bietet eine sich sehr wahrscheinlich nicht wiederholende Chance – speziell für die Übernahme eines Pflegedienstes. Der Pflegmarkt kann als „Seniorenmarkt“ insgesamt gesehen werden. So eröffnen sich Leistungsprofile außerhalb des SGB V, XI und XII. Auch ist bisher die digitale Revolution an den Pflegeleistungen vorbei gegangen.

Die Autoren

Prof. Ronald Richter ist Sozialrechtler und Inhaber von RichterRechtsanwälte in Hamburg

Rainer Berg ist Steuerberater und Inhaber der Berg Steuerberatungs mbH

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