Bin ich bereit, mein Unternehmen abzugeben?

von Rainer Berg und Ronald Richter

Der Gedanke, die unternehmerische Tätigkeit aufzugeben, geht so manch einer Pflegedienstinhaberin oder dem -inhaber derzeit wohl täglich durch den Kopf. Die Gründe sind vielschichtig. Seit Jahren wird die ambulante Pflege im Krisenmodus erledigt: Woher kommt das Personal, neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, neue Dokumentation, die Corona Pandemie, die Impfpflicht, die Tariftreue, eine neue PQR zur Prüfung der Qualität, die gefühlte Gängelung durch die Kranken- und Pflegekassen, die Liste ließe sich nahezu unendlich fortsetzen. Parallel steht ein Generationswechsel an. Wie kann das Unternehmen, mit wem fortgeführt werden?

Allen Umsetzungsüberlegungen ist gleich, dass ein Betriebsübergang, soll er im Sinne der oder des Abgebenden gelingen, eines ausreichenden zeitlichen Vorlaufes bedarf und nicht von heut‘ auf morgen möglich ist. Hierfür sollten durchaus ein bis fünf Jahre einkalkuliert werden. Für die Übergabe des Unternehmens gibt es grundsätzlich verschiedene Optionen:

  • Übergabe innerhalb der Familie („die Kinder“)
  • Übergabe an einen oder mehrere Mitarbeiter
  • Aufnahme eines (weiteren) Gesellschafters
  • Verkauf an Dritte

In letzter Zeit ist eine weitere Variante zu beobachten: Die unternehmerische Tätigkeit wird einfach beendet, indem die Tätigkeit eingestellt und der Betrieb aufgelöst wird. Auf die oben angesprochenen Möglichkeiten und die damit verbundenen speziellen Überlegungen wird in Folgebeiträgen jeweils eingegangen.

Zurück zur Ausgangssituation, verbunden mit der Fragestellung: Ist die Inhaberin oder der Inhaber zur Aufgabe der unternehmerischen Tätigkeit bereit? Bereit in diesem Zusammenhang soll heißen, finanziell ausreichende Perspektiven (1) zu haben und abgeben (2) zu können.

(1) Folgende Fragen sind zu beantworten:

  1. Habe ich einen aktuellen Überblick über mein Vermögen?
  2. Welchen finanziellen Beitrag kann die Veräußerung des Pflegedienstes hierzu leisten?
  3. Welche weiteren Altersversorgungsbausteine kann ich einsetzen?
  4. Muss ich ggf. hierzu noch Finanzmittel aufbauen?
  5. Sind genügend finanzielle Reserven für die zukünftige Lebenshaltung vorhanden?
  6. Kann ich, ggf. in welchem Umfang meinen Lebensstandard halten?
  7. Mit welchem Lebensstandard bin ich zukünftig zufrieden?
  8. Bestehen die Möglichkeit und Notwendigkeit, hinzuzuverdienen? Im bisherigen Unternehmen? Als externer Berater für mein früheres Unternehmen? Als Gesellschafter?

Weitere Fragen schließen sich in diesem Zusammenhang an.

Praxistipp

Stellen Sie einen privaten Vermögensstatus (Auflistung der Vermögenswerte – beispielsweise Immobilien, Aktien, Fonds, Auszahlung Lebensversicherung und natürlich auch den Wert des Unternehmens – abzüglich Schulden) auf. Später wird zu überlegen und berechnen sein, welchen Beitrag dieses Vermögen für die Finanzierung des nachunternehmerischen Lebens beisteuern kann.

Soweit die Eingangsfragen positiv beantwortet sind, schließen sich ganz persönliche Überlegungen an:
1. Kann ich loslassen?
2. Habe ich Angst vor dem Ausstieg?
3. Womit beschäftige ich mich nach dem Ausstieg?

Daneben bestehen Überlegungen je nach Alter des Abgebenden:
Will ich ein anderes Unternehmen betreiben?
Gehe ich zurück in ein Beschäftigungsverhältnis?

So gehen Sie das Thema „Unternehmensübergang“ an:
Schreiben Sie sich alle Fragen zu dem Thema auf, die Ihnen durch den Kopf gehen, sortieren und strukturieren Sie diese. Die Fragen zu Ihrer Person beantworten Sie sich zunächst selbst.  Beziehen sie in einem zweiten Schritt Personen ihres privaten Umfeldes mit ein, aus der Familie und dem Freudenkreis. Soweit bei finanziellen Fragen notwendig, ziehen Sie einen Berater hinzu.

Ist die Zeit für eine Unternehmensübergabe reif, ist zu prüfen, welche Option favorisiert werden soll. Sollte das Ergebnis sein, dass eine Unternehmensnachfolge (noch) warten kann, bereiten sie schon jetzt ein Gerüst für späteres Handeln vor. Hierzu gehören vor allem geordnete betriebliche und private Unterlagen. Ein solches Instrument wird auch in einem Notfall helfen, wenn Sie als Unternehmer ausfallen.

Die Aufgabe der Unternehmertätigkeit will gut überlegt werden. Der richtige Zeitpunkt bringt nicht zu zuletzt wirtschaftliche und finanzielle Vorteile. Die alternativen Möglichkeiten können individuell abgewogen werden. Wenn eine Entscheidung getroffen ist, hilft für die Umsetzung des Projekts ein terminlich klar strukturierter Plan.

Die Autoren:

Prof. Ronald Richter ist Sozialrechtler und Inhaber von RichterRechtsanwälte in Hamburg

Rainer Berg ist Steuerberater und Inhaber der Berg Steuerberatungs mbH

Unsere Partner